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Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland

Unter dem Begriff Jugendhilfe werden in Deutschland all die Maßnahmen für Kinder, Jugendliche und Familien zusammengefasst, die freie und öffentliche Träger im Rahmen der geltenden Gesetze und Vorschriften anbieten. Die Bezeichnung Jugendwohlfahrt ist zwischenzeitlich überholt, das ursprüngliche Jugendwohlfahrtsgesetz wurde bereits in den 1990/91 reformiert.

Die Begriffserklärung: Kinder- und Jugendhilfe

Allgemein wird unter Kinder- und Jugendhilfe die öffentliche Fürsorge für junge Menschen verstanden. Die Adressaten sind jedoch vielfältig, dabei kann es sich sowohl um Kinder und Jugendliche als auch um junge Erwachsene handeln. Im Fokus stehen also Menschen bis zu einem Alter von 27 Jahren – insbesondere gefährdete Jugendliche. Doch die Maßnahmen richten sich auch an Erziehende sowie Personensorgeberechtigte, die Unterstützung benötigen.

Der gesetzliche Rahmen für die Kinder- und Jugendhilfe

Schon Ende der 80er Jahre stieß Rita Süssmuth, die damalige Bundesministerin für Familie und Jugend, die Neufassung des Jugendwohlfahrtsgesetzes an. Dieses war vom Grundsatz her in erster Linie aus Sicht des Polizei- und Ordnungsrechtes aufgesetzt und konnte demzufolge der Aufgabe, Kinder und Jugendliche in der Entwicklung zu fördern und zu erziehen, gar nicht gerecht werden. Der Ansatz der praktischen Jugendhilfe verschob sich sukzessive weg von Sanktionen und Eingriffen in das familiäre Zusammenleben hin zur offenen Prävention.

Dieser Veränderung musste sich in den gesetzlichen Rahmenbedingungen niederschlagen, das Jugendwohlfahrtsgesetz wurde im Zuge der Reform der Kinder- und Jugendhilfe 1990/91 durch entsprechende Regelungen im Sozialgesetzbuch Achtes Buch (SGB VIII) abgelöst. Damit übernahm der Gesetzgeber nicht nur sein Recht zur Regelung, sondern auch seine Verantwortung für die jungen Generationen wahr. Gleichzeitig überlässt er aber auch den Ländern Gestaltungsspielraum: Im SGB VIII wird ein verbindlicher Rahmen abgesteckt, der in den Landesausführungsgesetzen ausgefüllt wird. Für die praktische Umsetzung sind nach § 85 SGB VIII die jeweiligen Träger der Kinder- und Jugendhilfe verantwortlich.

Das neue Paradigma in der Kinder- und Jugendhilfe

Die heute im SGB VIII verankerte Kinder- und Jugendhilfe versteht sich als Angebote- und Leistungsgesetz. In erster Linie wird also mit Hilfsangeboten gearbeitet und mit den Möglichkeiten der Sozialgesetzgebung unterstützt. Die in Frage kommenden und gesetzlich beschriebenen Leistungen stehen bundeseinheitlich allen jungen Menschen sowie deren Familien oder Personensorgeberechtigten zur Verfügung. Als örtliche und überortliche Träger fungieren die kreisfreien Städte, die Landkreise und das Bundesland. Die jeweiligen Landesjugendämter sowie Jugendämter stellen das Erbringen der relevanten Leistungen sicher.

Die Neuregelungen der Kinder- und Jugendhilfe im SGB VIII, das seit der Reform 1990/91 bereits 40-mal überarbeitet wurde, bezogen sich auf folgende Gebiete:

  • das Schwangeren- und Familienrecht wurde neugestaltet
  • weitere Gesetze wie das Tagesbetreuungsausbaugesetz (TAG), das Kinderförderungsgesetz (KiföG) und das Gesetz zur Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe (KICK) wurden erlassen

Die Jugendämter – ein kurzer Abriss

Das Jugendamt ist keine Erfindung unserer Zeit, diese Institution blickt bereits auf eine fast 100-jährige Geschichte zurück: Ursprung war das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz (RJWG), das 1922 in Kraft trat und Kommunen zur Einrichtung von Jugendämtern verpflichtete.

Die Nazizeit markiert ein dunkles Kapitel in der Kinder- und Jugendhilfe, es wurden insbesondere die Bürgermeister und Landräte mit der Leitung der Jugendämter betraut, die im Sinne der Nazi-Diktatur agierten. Das Ausmaß der ideologischen Beeinflussung der Kinder- und Jugendhilfe manifestierte sich im Bund Deutscher Mädel und in der Hitlerjugend, deren Mitgliedschaft obligatorisch war. Allerdings mussten die Kinder und Jugendlichen eine Aufnahme bestehen, Schwache und Kranke sowie Mitglieder der jüdischen Glaubensgemeinschaft wurden rigoros aussortiert, um eine besondere Art von Partei- und Staatsjugend zu formen.

In der Zeit von 1947 bis 1953 waren die Jugendämter dem Innenministerium zugeordnet, erst danach wurde das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz erneut eingeführt und die Kommunen erhielten die Ämter wieder in ihre Selbstverwaltung übertragen. Gleichzeitig wurden die Jugendamtsverwaltung sowie der Jugendhilfeausschuss eingerichtet. Erst 1961 erfolgte dann die Umbezeichnung des Reichsjugendwohlfahrtsgesetzes in Jugendwohlfahrtsgesetz.

Mit der Reform der Kinder- und Jugendhilfe ab 1990 wurde erneut ein wichtiger Wandel initiiert: Das Kinder- und Jugendhilfegesetz im Rahmen des SGB VIII wurde zur Grundlage dafür, dass das Jugendamt sich zu einer dienstleistungsorientierten Institution mit dem Grundprinzip, Hilfe zur Selbsthilfe geben zu wollen, entwickeln konnte. Darüber hinaus rückte der Schutz von Kindern und Jugendlichen ebenso in den Fokus wie der Ausbau eines Angebotes zur Kindergartenbetreuung.

Die Zielgruppen der Kinder- und Jugendhilfe

Die Adressaten der novellierten Kinder- und Jugendhilfe sind im § 6 Abs. 1 SGB VII festgelegt: Kinder und Jugendliche, deren Eltern und die Personensorgeberechtigten der jungen Menschen. Darüber hinaus wurden im § 7 SGB VIII verschiedene Begriffe klar definiert:

  • Als Kinder gelten unter 14-Jährige, allerdings gilt in Bezug auf das Sorgerecht der Eltern nach Artikel 6 Abs. 2 des Grundgesetzes und auf die Annahme eines Kindes die Altersgrenze von 18 Jahren.
  • Jugendliche sind demnach 14- bis unter 18-Jährige.
  • Junge Volljähre sind wenigstens 18 und weniger als 27 Jahre alt.
  • Als junge Menschen gelten generell unter 27-Jährige.
  • Wem die Personensorge nach den Regeln des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) allein oder gemeinsam mit einer weiteren Person zusteht, gilt als Personensorgeberechtigter.
  • Als Erziehungsberechtigte gelten neben den Personensorgeberechtigten alle Personen über 18 Jahre, sofern sie vereinbarungsgemäß nicht nur für einzelne Verrichtungen oder vorübergehend die Personenvorsorge wahrnehmen.

Die Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe

Die Familienpolitik ist eine der tragenden Säulen der sozialgesetzlichen Gestaltung unserer Gesellschaft – und damit folgt die Bundesrepublik einer langen Tradition. Sowohl während des Kaiserreiches als auch in der Nazi-Zeit spielte das Ideal einer intakten Familie eine wichtige Rolle. Heute tragen die gesetzlichen Regelungen den veränderten Wertevorstellungen Rechnung. Die gesetzlichen Ziele der Kinder- und Jugendhilfe sind ausführlich im § 1 SGB VIII beschrieben: In erster Linie geht es darum, ein grundlegendes Recht der Kinder und Jugendlichen auf Selbstverwirklichung zu schützen, sie in ihren Möglichkeiten zu fördern und bei der Entwicklung eines verantwortungsvollen und gemeinschaftsfähigen Verhaltens zu unterstützen.

Der Artikel 6 des Grundgesetzes ist hier ganz klar:
„Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.“

Somit teilen sich die Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland in folgende Bereiche auf:

  • allgemein fördernde Leistungen wie Kindergärten, Jugendarbeit, Lernhilfen oder individuelle Förderung
  • direkt unterstützende Aufgaben wie die Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in konkreten Problemlagen
  • Einzelbetreuung
  • Beratungen zum Jugendschutz
  • Inobhutnahme von Kindern und Jugendlichen
  • politische Arbeit wie Verpflichtung zur Planung oder Einmischung

Die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe

Zur Umsetzung der Aufgaben werden Leistungen zur Kinder- und Jugendhilfe von örtlichen sowie überortlichen Trägern angeboten und finanziert. Dazu zählen beispielsweise:

  • Jugend- und Jugendsozialarbeit
  • erzieherischer Schutz von Kindern und Jugendlichen
  • Förderung von Familien
  • Registerauskunft für Mütter
  • Herausnahme von Kindern und Jugendlichen
  • Inobhutnahme von Kindern und Jugendlichen
  • Hilfen bei der Erziehung
  • Tagesbetreuung für Kinder
  • Vormundschaft
  • Beistandschaft
  • Unterstützung für junge Volljährige
  • Eingliederungshilfe für seelisch Behinderte im Kinder- und Jugendalter
  • Durchführung von Beurkundungen wie Vaterschaftsanerkennungen

Darüber hinaus umfasst die Kinder- und Jugendhilfe jedoch weitere Aufgaben, wie zum Beispiel die Beratung und Begleitung von Alleinerziehenden, sollten diese Unterhaltsansprüche geltend machen müssen. Auch die Mitwirkung bei Verfahren vor Familiengerichten oder die Jugendgerichtshilfe zählen zu den regelmäßigen Leistungen.

Die Besonderheiten der Kinder- und Jugendhilfe bei jungen Volljährigen

Seit dem 1. Januar 1975 gilt nicht mehr die Altersgrenze von 21 Jahren für die Volljährigkeit, sondern bereits die Vollendung des 18. Lebensjahres. Das 1977 neugefasste Jugendwohlfahrtsgesetz trug dieser Änderung bereits Rechnung, sodass es die Zulässigkeit bestimmter Hilfsmaßnahmen bei der Erziehung auch über diese Altersgrenze hinaus ausdehnte. Allerdings konnten diese Hilfen nicht erstmals bewilligt werden, sollte die Volljährigkeit bereits eingetreten sein. Jungen Volljährigen standen diese Leistungen also nur zu, wenn sie bereits vor ihrem 18. Geburtstag begonnen und über die Altersgrenze hinaus fortgeführt wurden. Zu dieser Zeit wurde klar, dass ein relevanter Teil der Jugendlichen nicht ohne Weiteres die drei jetzt fehlenden Jahre zur Volljährigkeit überspringen und das Ziel der Selbstständigkeit erreichen konnte.

Dementsprechend sah der Entwurf des Jugendhilfegesetzes im § 40 eine deutlich weitere Fassung vor: Junge Volljährige, die ihre Berufsausbildung erst nach ihrem 18. Geburtstag beginnen oder danach den Verlust des Ausbildungsplatzes hinnehmen müssen und somit in ihrer weiteren Entwicklung gefährdet sind, können weiterhin auf eine Leistungsverpflichtung der Kinder- und Jugendhilfe bauen. Es hatte sich herausgestellt, dass die Altersgrenze von 18 Jahren für die Aufnahme von Maßnahmen zur Schul- oder beruflichen Bildung, wozu auch die Berufsvorbereitung zählt, nicht zielführend ist. Die Verselbständigung der jungen Menschen verschiebt sich offenbar immer weiter nach hinten, wobei die Gründe vielfältig sind.

Deswegen sollten sich die Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe auch über die Vollendung des 21. Lebensjahres fortführen lassen. Als relevante Voraussetzungen wurden zum Beispiel junge Volljährige genannt, die nach ihrem 18. Geburtstag aus der stationären psychiatrischen Behandlung oder aus Maßnahmen des Freiheitsentzuges wie Jugend- oder Freiheitsstrafen und Arrest entsprechend des Strafgesetzbuches oder des Jugendgerichtsgesetzes entlassen werden. Die Betroffenen erfahren somit eine Gleichstellung mit den jungen Menschen, die bis zur Volljährigkeit Kinder- und Jugendhilfe zur Erziehung in Anspruch genommen haben.

Damit unterscheiden sich die gesetzlichen Regelungen des SGB VIII von den vorherigen Regeln des RJWG gleich mehrfach:

1. Jugendhilfe für junge Volljährige wird auch über die Volljährigkeit hinaus gewährt, sie ist also nicht mehr nur als Fortsetzungshilfe aufgesetzt.
2. Grundsätzlich ist die Gewährung von Leistungen unabhängig von einer laufenden Ausbildung.
3. Die rechtliche Verpflichtung ist nicht mehr nur eine Kann-Reglung, sondern eine Soll-Regelung, die einen Rechtsanspruch darstellt.

Doch kann auch mit der Novellierung keine Maßnahme der Jugendhilfe mehr begonnen werden, wenn das 21. Lebensjahr bereits vollendet ist – eine Fortsetzung lässt sich jedoch in begründeten Einzelfällen auch über diese Altersgrenze hinaus erfolgen.

Das Verfahren der Kinder- und Jugendhilfe

Bei der Kinder- und Jugendhilfe handelt es sich um ein Verwaltungsverfahren nach SGB VIII, SGB X und SGB I – es ist grundsätzlich ein Antrag erforderlich. Unter dem Strich heißt das, dass der Betroffene, also der junge Volljährige oder der Personensorgeberechtigte, eine entsprechend eindeutige Willenserklärung zur Inanspruchnahme der Kinder- und Jugendhilfe abgeben muss. Die Kosten für die Hilfs- und Unterstützungsmaßnahmen werden vom jeweiligen Jugendamt getragen, nachdem der Sachverhalt geprüft wurde.

Grundsätzlich verfolgt die Kinder- und Jugendhilfe das Prinzip, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Der Gesetzgeber verfolgt damit das Ziel, dass Hilfesuchende und Behörde kooperieren und konstruktiv zusammenarbeiten. Der gesamte Hilfeprozess muss mit allen relevanten Entscheidungen im Hilfeplan dokumentiert werden.

Die praktische Durchführung der Kinder- und Jugendhilfe

Die vereinbarten Leistungen zur Kinder- und Jugendhilfe werden größtenteils von freien Trägern realisiert. Die großen Träger erfüllen somit eine wichtige Funktion, sie genießen einen gesetzlich verankerten Status und beeinflussen durchaus die Sozialpolitik auf Bundesebene. Die wichtigsten Vertreter sind beispielsweise

  • das Diakonische Werk (DW),
  • der Deutsche Caritas-Verband,
  • das Deutsche Rote Kreuz (DRK),
  • der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband (DPWV),
  • die Arbeiterwohlfahrt (AWO) sowie
  • die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST).

Das Prinzip der Subsidiarität wirkt sich im Bereiche Jugendhilfe so aus, dass freie Träger gegenüber Trägern der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe bevorzugt werden. Entsprechend den fachlichen Voraussetzungen übernehmen die freien Träger die jeweiligen Leistungen, sodass eine vielfältige Trägerlandschaft entsteht, die unterschiedliche Inhalte, Arbeitsformen und Methoden, aber auch Werteorientierungen abbildet.

Im Gegensatz dazu übernehmen die Träger der öffentlichen Jugendhilfe fast ausschließlich die anderen Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe, wie sie im dritten Kapitel SGB VIII aufgeführt werden. Das hat einen guten Grund, denn es geht in erster Linie um hoheitliche Aufgaben, die gesetzlich vorgesehene Ordnungselemente beinhalten. Darüber hinaus trägt die öffentliche Jugendhilfe die Gesamtverantwortung dafür, dass die im Kinder- und Jugendhilfegesetz verankerten Aufgaben erfüllt werden.

Häufige Fragen zur Kinder- und Jugendhilfe

Was ist Jugendhilfe?

Die Jugendhilfe, genauer die Kinder- und Jugendhilfe, umfasst alle Leistungen und Aufgaben, mit denen junge Menschen in ihrer Entwicklung gefördert, vor Gefahren geschützt und Eltern bei der Erziehung unterstützt werden. Sie reicht von der Kita und offenen Jugendarbeit über Erziehungsberatung bis zur Unterbringung in einer Wohngruppe. Rechtsgrundlage ist das Achte Buch Sozialgesetzbuch (SGB VIII).

Für wen ist die Jugendhilfe da?

Die Jugendhilfe ist für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis zum 27. Geburtstag sowie für Eltern und andere Personensorgeberechtigte. Das SGB VIII unterscheidet Kinder (unter 14 Jahren), Jugendliche (14 bis 17 Jahre) und junge Volljährige (18 bis 26 Jahre).

Welche Leistungen gibt es in der Jugendhilfe?

Zu den Leistungen der Jugendhilfe nach dem SGB VIII gehören vor allem:

  • Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit und Schulsozialarbeit
  • erzieherischer Kinder- und Jugendschutz
  • Förderung der Erziehung in der Familie, etwa Familienbildung und Beratung bei Trennung und Scheidung
  • Förderung von Kindern in Kitas und in der Kindertagespflege
  • Hilfen zur Erziehung, ambulant, teilstationär oder stationär
  • Eingliederungshilfe für Kinder und Jugendliche mit (drohender) seelischer Behinderung
  • Hilfe für junge Volljährige und Nachbetreuung

Hinzu kommen andere Aufgaben wie die Inobhutnahme, die Mitwirkung in Verfahren vor dem Familien- und Jugendgericht sowie Beistandschaften und Vormundschaften.

Was regelt das SGB VIII für die Kinder- und Jugendhilfe?

Das SGB VIII, auch Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) genannt, ist seit 1990/91 die gesetzliche Grundlage der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland. Es legt fest, welche Leistungen es gibt, wer Anspruch darauf hat, wer sie erbringt und wer die Kosten trägt. Die letzte große Reform war das Kinder- und Jugendstärkungsgesetz (KJSG) von 2021, das unter anderem Kinderschutz, Beteiligung und Inklusion gestärkt hat. Eine weitere Strukturreform wird derzeit im Bundestag beraten.

Welche Aufgaben hat das Jugendamt in der Jugendhilfe?

Das Jugendamt ist die Fachbehörde des örtlichen Trägers der öffentlichen Jugendhilfe, also des Landkreises oder der kreisfreien Stadt. Je nach Landesrecht haben auch größere kreisangehörige Städte ein eigenes Jugendamt. Das Jugendamt berät Familien, entscheidet über Hilfen zur Erziehung, plant das Angebot vor Ort, schützt Kinder bei Gefahr und arbeitet eng mit freien Trägern zusammen. Ein eigenes Erziehungsrecht hat es nicht: Pflege und Erziehung der Kinder sind zuerst Recht und Pflicht der Eltern.

Wer sind die Träger der Jugendhilfe?

Bei den Trägern der Jugendhilfe unterscheidet man öffentliche und freie Träger. Öffentliche Träger sind die Landkreise und kreisfreien Städte, die dafür Jugendämter einrichten, sowie die überörtlichen Träger mit ihren Landesjugendämtern. Freie Träger sind zum Beispiel Wohlfahrtsverbände wie Caritas, Diakonie, Arbeiterwohlfahrt, Paritätischer und Deutsches Rotes Kreuz, außerdem Jugendverbände, Kirchen und Vereine. Ein großer Teil der Angebote, etwa Kitas, Beratungsstellen und Wohngruppen, wird von freien Trägern betrieben.

Was sind Hilfen zur Erziehung in der Jugendhilfe?

Eltern haben einen Rechtsanspruch auf Hilfe zur Erziehung, wenn eine dem Wohl des Kindes entsprechende Erziehung nicht gewährleistet ist und die Hilfe für seine Entwicklung geeignet und notwendig ist (§ 27 SGB VIII). Dazu gehören Erziehungsberatung, soziale Gruppenarbeit, Erziehungsbeistand, sozialpädagogische Familienhilfe, Tagesgruppe, Vollzeitpflege in einer Pflegefamilie, Heimerziehung und betreute Wohnformen sowie intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung.

Was ist der Unterschied zwischen ambulanter und stationärer Jugendhilfe?

Bei der ambulanten Jugendhilfe bleibt das Kind in seiner Familie, die Unterstützung kommt zu ihr, etwa durch eine Familienhelferin oder einen Erziehungsbeistand. Teilstationäre Hilfen wie die Tagesgruppe finden tagsüber außerhalb der Familie statt. Bei der stationären Jugendhilfe lebt der junge Mensch zeitweise oder dauerhaft außerhalb der Familie, zum Beispiel in einer Pflegefamilie, einem Heim oder einer betreuten Wohngruppe.

Wie beantragt man Jugendhilfe beim Jugendamt?

Um Jugendhilfe zu beantragen, wenden sich Eltern oder Sorgeberechtigte an das zuständige Jugendamt, formlos, telefonisch oder persönlich. Jugendliche können sich auch selbst beraten lassen. Ist eine Hilfe zur Erziehung für längere Zeit nötig, wird gemeinsam mit Eltern und Kind ein Hilfeplan erstellt (§ 36 SGB VIII). Er legt Ziele, Art und Umfang der Hilfe fest und wird regelmäßig überprüft. Die Familie kann zwischen Einrichtungen und Diensten verschiedener Träger wählen. Ihrem Wunsch soll entsprochen werden, wenn er keine unverhältnismäßigen Mehrkosten verursacht (Wunsch- und Wahlrecht, § 5 SGB VIII).

Was kostet Jugendhilfe und wer trägt die Kosten?

Die Kosten der Jugendhilfe trägt grundsätzlich der öffentliche Träger, also das Jugendamt. Beratung und ambulante Hilfen, etwa Erziehungsberatung oder sozialpädagogische Familienhilfe, sind für Familien kostenfrei. Für Kita und Kindertagespflege erheben die Kommunen meist Elternbeiträge, die je nach Bundesland und Einkommen unterschiedlich hoch sind. Bei teilstationären und stationären Hilfen können Eltern nach ihrem Einkommen an den Kosten beteiligt werden (§§ 91 ff. SGB VIII). Junge Menschen selbst müssen seit dem 1. Januar 2023 keinen Kostenbeitrag mehr aus ihrem Einkommen leisten, etwa aus einer Ausbildungsvergütung oder einem Ferienjob.

Was ist eine Inobhutnahme durch das Jugendamt?

Die Inobhutnahme ist eine vorläufige Schutzmaßnahme des Jugendamts (§ 42 SGB VIII). Ein Kind oder Jugendlicher wird vorübergehend bei einer geeigneten Person, in einer Einrichtung oder einer anderen Wohnform untergebracht. Das geschieht, wenn der junge Mensch selbst um Obhut bittet, wenn eine dringende Gefahr für sein Wohl besteht oder wenn ein ausländisches Kind unbegleitet nach Deutschland kommt. Die Sorgeberechtigten werden unverzüglich informiert. Widersprechen sie, muss das Jugendamt das Familiengericht einschalten oder das Kind zurückgeben, wenn keine Gefährdung besteht.

Gibt es Jugendhilfe auch für junge Volljährige über 18?

Ja, Jugendhilfe gibt es auch nach dem 18. Geburtstag. Junge Volljährige erhalten Hilfe für ihre Persönlichkeitsentwicklung und eine eigenverantwortliche Lebensführung, solange ihre individuelle Situation das erfordert (§ 41 SGB VIII). Die Hilfe wird in der Regel bis zum 21. Geburtstag gewährt und soll in begründeten Einzelfällen für einen begrenzten Zeitraum darüber hinaus fortgesetzt werden. Nach dem Ende der Hilfe haben junge Volljährige Anspruch auf Beratung und Unterstützung beim Übergang in die Selbstständigkeit (Nachbetreuung, § 41a SGB VIII).

Wo kann man sich über die Jugendhilfe oder das Jugendamt beschweren?

Bei Konflikten mit dem Jugendamt oder einem Träger der Jugendhilfe können sich junge Menschen und ihre Familien an eine unabhängige Ombudsstelle wenden. Seit dem Kinder- und Jugendstärkungsgesetz von 2021 müssen die Länder solche Stellen sicherstellen (§ 9a SGB VIII). Sie beraten, vermitteln und helfen bei der Klärung von Konflikten, und zwar sowohl mit öffentlichen als auch mit freien Trägern. Außerdem haben Kinder und Jugendliche in Einrichtungen das Recht, sich zu beschweren.

Gibt es in der Kinder- und Jugendhilfe einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz?

Ja. Vom ersten bis zum dritten Geburtstag haben Kinder einen Rechtsanspruch auf Förderung in einer Kita oder in der Kindertagespflege, ab dem dritten Geburtstag bis zum Schuleintritt auf einen Platz in einer Kita (§ 24 SGB VIII). Seit dem 1. August 2026 gilt zudem schrittweise ein Rechtsanspruch auf Ganztagsförderung für Grundschulkinder: zunächst für die erste Klasse, ab August 2029 für die Klassen eins bis vier, mit acht Stunden täglich von Montag bis Freitag einschließlich Unterricht. In den Ferien können die Länder eine Schließzeit von bis zu vier Wochen vorsehen.

Wie viele Kinder und Jugendliche leben in Deutschland in Heimen oder Pflegefamilien?

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts lebten im Jahr 2024 rund 221.500 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zumindest zeitweise in einem Heim, einer betreuten Wohnform oder einer Pflegefamilie, davon rund 134.000 in Heimen und rund 87.500 in Pflegefamilien. Im Durchschnitt dauerte eine Unterbringung 2,4 Jahre, in Heimen 1,8 Jahre und in Pflegefamilien 4,3 Jahre.

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